Acetonitril-Knappheit – 1 mm ist viel...
Der HPLC-Tipp 02/2009 von Dr. Stavros Kromidas, Saarbrücken
Der Fall
Ende letzten Jahres kam unerwartet ein großes Problem auf uns zu: ACN-Knappheit. Da das Problem hinreichend bekannt ist, möchte ich nicht auf Details eingehen, vielmehr wollen wir uns über mögliche Auswege unterhalten. Ob dieser Engpass lang anhält oder ob bei einem Abebnen der aktuellen wirtschaftlichen Krise die Situation entschärft wird, weiß zur Zeit niemand. Wie auch immer, wäre spätestens jetzt der richtige Zeitpunkt, sich um Lösungsmittelverbrauch in der HPLC im Allgemeinen und ACN im speziellen Gedanken zu machen. Welche Möglichkeiten gibt es nun, den ACN-Verbrauch zu vermeiden oder wenigstens zu senken?
Die Lösung
Nachfolgend werden mögliche Lösungsansätze mit kurzer Stellungnahme/Kommentierung vorgestellt:
- Auf alternative ACN-Distributoren ausweichen
Vielleicht lohnt es sich, gezielte Internet-Recherchen zu starten; So war es zum
Zeitpunkt des Verfassens dieses Textes möglich, z.B. aus Israel und China ACN
zu bekommen. Bzgl. Qualität verfüge ich leider über keine Informationen.
- Recycling
Diese Möglichkeit für isokratische Trennungen stellt ein großes
Einsparungspotential dar. Auch ohne Recyclingvorrichtung („Elusaver“), mit deren
Hilfe die Peakfraktion verworfen wird, funktioniert diese Technik bis auf
Reinheitsprüfungen und/oder Trennung von stark UV-aktiven Analyten recht gut.
Mit Hilfe von Systemeignungstests übrigens wird sowieso geprüft, ob das
Gesamtsystem noch o.k. ist.
- Destillieren
Ob der Aufwand sich lohnt, kann nur individuell entschieden werden, wobei hier
zweifelsohne an Trennungen in der präparativen HPLC gedacht wird
- Auf alternative polare(re) stationäre Phasen ausweichen
Eine isokratische Trennung mit mehr als ca. 60% ACN-Anteil im Eluenten könnte
ein Hinweis dafür sein, dass dieser relativ hohe organische Anteil notwendig ist,
um eine akzeptable Retentionszeit zu erhalten. Statt nun eine „vernünftige“
Retentionszeit mit Hilfe der Elutionskraft des Eluenten (relativ hoher ACN-Anteil)
zu bekommen, könnte man versuchen, das gleiche Ziel mit einer polareren
stationären Phase zu erreichen: Eine weniger stark belegte C18-Phase (weniger
%C, geringerer Belegungsgrad) oder eine C8-Säule verwenden. So führt
beispielsweise ein Eluent mit 10% weniger ACN zu einer Eluentenersparnis von
ca. 25%, weil ja der gesamte Eluent entsorgt werden muss.
- Statt mit ACN alternativ mit MeOH als organischem Lösungsmittel arbeiten
Statt mit ACN alternativ mit MeOH als organischem Lösungsmittel arbeiten
Mit Hilfe von Tab. 1 (1) könnte man versuchen, statt ACN-haltige nun MeOHhaltige
Eluenten mit ähnlicher Elutionskraft einzusetzen, z.B. statt 40/60 ACN/H2O
nun 50/50 MeOH/H2O. Selbstverständlich kann nicht erwartet werden, dass das
Chromatogramm mit MeOH stets genauso aussieht wie mit ACN, aber ein
Versuch ist es schon Wert.
- Verkleinerung des Säulendurchmessers
Eine Verringerung der Säulenlänge und der Korngröße beispielsweise um Faktor
2 führt bei (theoretisch) gleicher Bodenzahl und somit gleicher Auflösung zu einer
Abnahme der Retentionszeit und des Eluentenverbrauchs um Faktor 2. Eine
Verringerung des Innendurchmessers um Faktor 2 führt zu einer Ersparnis an
Lösungsmittel um Faktor 4 (der Eluentenverbrauch verhält sich umgekehrt
proportional zum Quadrat des Innendurchmessers). Nach meiner persönlichen
Meinung ist diese Möglichkeit unter Umständen die interessanteste: So führt
beispielsweise eine Verringerung der Säuleninnendurchmessers von 4 mm auf 3
mm zu einem Minderverbrauch an Eluent um ca. 45%. Und eine Verringerung
des Innendurchmessers um 25% (eben von 4 auf 3 mm) ist für isokratische
Trennungen sowohl für USP als auch für europäische Pharmakopöe-Methoden
erlaubt. Aus Tab. 2 (1) kann folgendes entnommen werden: „Welchen Fluss sollte
ich beim Wechsel des Innendurchmessers einstellen, um die gleiche lineare
Geschwindigkeit und damit die gleiche Retentionszeit zu erhalten?“

Das Fazit
In nahezu jedem HPLC-Labor besteht wegen der ACN-Knappheit Handlungsbedarf.
Die „richtige“ Antwort auf dieses Problem hängt naturgemäß von der aktuellen
Laborsituation und den Möglichkeiten vor Ort ab. Eine Verringerung des
Säuleninnendurchmessers von 4,6 mm auf 3 mm führt zu einer Eluentenersparnis
von ca. 60%, von 4 mm auf 3 mm zu einer Ersparnis von immerhin ca. 45%. Ein
Wechsel ist ein Gedanke Wert zumal heute viele Füllmaterialien in diversen
Säulendimensionen angeboten werden und die ACN-Preise in die Höhe geschnellt
sind. Dieses „1 mm“ führt zu einer knapp 50%igen Senkung der Logistik-, Lager-,
Verbrauch- und Entsorgungskosten.
(1) Quelle: Kursunterlagen der NOVIA Chromatographie und Messverfahren GmbH